Während sich die politische Debatte in Europa seit Jahren vor allem auf die Elektromobilität konzentriert, gibt es vereinzelt Zeichen für einen technologieoffenen Ansatz seitens der Autoindustrie.
In der vergangenen Woche haben BMW, Toyota, Bosch und Repsol ein gemeinsames Pilotprojekt gestartet, bei dem Serienfahrzeuge erstmals unter Alltagsbedingungen mit dem zu 100 % erneuerbaren Kraftstoff Nexa 95 betrieben werden. Parallel halten führende Hersteller an der Entwicklung von Wasserstofffahrzeugen fest. BMW plant gemeinsam mit Toyota den Marktstart eines Brennstoffzellenfahrzeugs ab 2028, allerdings zu irre hohen Listenpreisen. Noch dazu gibt es deutschlandweit so gut wie keine Möglichkeiten, Pkw mit Wasserstoff zu betanken.

Das Pilotprojek soll das Potenzial von Fahrzeugen, die ausschließlich mit zugelassenen Kraftstoffen betrieben werden (VEEF: Vehicles runningExclusively on Eligible Fuels), unter realen Bedingungen demonstrieren. Im Rahmen der Initiative wird eine Flotte von rund 20 Fahrzeugen der Marken Toyota und BMW eingesetzt, die mit dem zu 100% erneuerbaren Benzin von Repsol (Nexa 95) betrieben und durch die fortschrittliche digitale Kraftstoff-Verfolgungs-Technologie von Bosch unterstützt werden.
Der Haken: Nexa 95 wird aus recycelten Produkten wie Speiseöl, landwirtschaftlichen Abfällen und anderen organischen Abfällen hergestellt. Und davon gibt es noch nicht einmal einen winzigen Bruchteil der Menge, die weltweit benötigt würde, um herkömmliches Benzin zu ersetzen. Außerdem ist die Herstellung von täglich mehreren Milliarden Liter des angeblich umweltfreundlichen Treibstoffs um ein Vielfaches teurer als die Produktion von Strom. Auch bleibt die Effizienz der damit betriebenen Automobile weit unter der der batterieelektrischen Autos.
Das Pilotprojekt konzentriert sich auf drei Hauptziele:
-Verfügbarkeit von erneuerbarem Benzin auf dem Markt – unter Nutzung der Infrastruktur von Repsol, dem derzeit einzigen Anbieter von 100 % erneuerbarem Benzin an öffentlichen Tankstellen in Spanien
-Einsatzbereitschaft digitaler Nachverfolgungs- und Zertifizierungstechnologien – ermöglicht durch das „Digital Fuel Twin“-System von Bosch, das die Nutzung erneuerbarer Kraftstoffe über den gesamten Lebenszyklus hinweg zertifiziert
-Operativer Einsatz von VEEF-Flotten – um zu demonstrieren, dass bestehende Fahrzeuge bereits heute mit 100% erneuerbaren Kraftstoffen unter Nutzung der vorhandenen Infrastruktur betrieben werden können
Aus Sicht des Automobilclub von Deutschland (AvD) zeigen diese Entwicklungen vor allem eines: Der Weg zur klimaneutralen Mobilität wird vielfältiger, was aus Sicht der Wissdchenschasft freilich stark bezweifelt wird. Elektromobilität ist eine große Chance für die Zukunft, aber Klimaschutz darf sich deshalb nicht auf eine einzige Technologie beschränken, meint der Autoclub. Entscheidend ist vielmehr, welche Lösungen möglichst schnell, wirtschaftlich und in großem Maßstab CO2 einsparen können. Das aber ist mit Nexa 95 unmöglich, so die Wissenschaft.
In Deutschland sind fat 50 Mio. Pkw zugelassen. Laut Kraftfahrtbundesamt sind aktuell weniger als 5 % Prozent davon rein elektrisch unterwegs. Allerdings ändert sich das derzeit ganz stark. Inzwischen werden deutschlandweit mehr Elektroautos zugelassen als Benziner oder Diesel. Mit einem stetig steigenden Durchschnittsalter von derzeit 10,9 Jahren bei den Verbrennern wird aber trotz dynamischem Hochlauf der Elektromobilität, ein erheblicher Teil dieser überwiegend massiv umweltschädlichen herkömmlich angetriebenen Fahrzeuge noch lange Zeit auf den Straßen unterwegs sein. Wer die Klimaziele ernst nimmt, sollte deshalb nicht ausschließlich auf den Austausch der Fahrzeugflotte setzen, sondern auch Lösungen fördern, mit denen bestehende Fahrzeuge klimafreundlicher betrieben werden können, sagt der AvD. Moderne Biokraftstoffe, höhere Ethanolbeimischungen wie E20, synthetische Kraftstoffe sowie Wasserstoff können hierzu einen Beitrag leisten, die erheblich effizientere und umweltfreundlichere Elektromobilität in Bruchteilen ergänzen.
Bereits heute ermöglicht der Kraftstoff E10 nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen von 6 bis 9 % gegenüber rein fossilem Benzin. Mit einer weiteren Anhebung auf E20 könnten bestehende Verbrennungsmotoren einen zusätzlichen, wenn auch nur winzigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sofern Fahrzeugverträglichkeit und Kraftstoffnormen entsprechend weiterentwickelt werden. Der Vorteil liegt darin, dass die bestehende Tankstelleninfrastruktur weitgehend erhalten bleibt und Millionen Bestandsfahrzeuge unmittelbar profitieren könnten.
Ein weiteres Zukunftsfeld sind synthetische Kraftstoffe (E-Fuels). Sie werden mithilfe von erneuerbarem Strom, Wasser und CO2 hergestellt. Stammt der benötigte Strom vollständig aus erneuerbaren Energien und wird das verwendete Kohlendioxid der Atmosphäre oder unvermeidbaren Industrieprozessen entnommen, können E-Fuels bilanziell nahezu CO2-neutral hergestellt werden. Zwar ist ihr energetischer Wirkungsgrad um ein Vielfaches geringer als bei batterieelektrischen Fahrzeugen, dennoch sehen Wissenschaftler u.a. des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt(DLR) insbesondere im Luftverkehr und der Schifffahrt, nicht aber für Pkw/SUV sinnvolle Einsatzmöglichkeiten.
Auch Wasserstoff bleibt ein wichtiger Bestandteil einer klimaneutralen Mobilität. Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse aus Wasser hergestellt, wobei ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien eingesetzt wird. In Brennstoffzellenfahrzeugen entsteht während des Fahrbetriebs lediglich Wasserdampf. Gleichzeitig wird Wasserstoff auch als Kraftstoff für speziell entwickelte Verbrennungsmotoren erprobt. Zahlreiche Hersteller entwickeln ihre Technologien konsequent weiter und angesichts der seit Monaten hohen Spritpreise wird auch der Einwand der viel zu teuren Herstellungskosten relativiert. Ziel ist es, nachzuweisen, dass sich klimafreundlichere Kraftstoffe ohne technische Änderungen am Fahrzeug und ohne neue Tankstelleninfrastruktur einsetzen lassen.
Kosten-Nutzen-Verhältnis
Die Bundesregierung verfolgt mit der Nationalen Wasserstoffstrategie sowie ihrer Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie selbst einen technologieoffenen Ansatz und sieht erneuerbare Kraftstoffe als Ergänzung zur Elektromobilität vor. Dies aber nur, um die heimische Automobilindustrie zu schützen. Quelle: AvD / CM