Im deutschen Fernverkehrsmarkt auf der Schiene ist vieles in Bewegung. Zunächst startet die italienische Trenitalia (FS) mit ihren superschnellen Frecciarossa-Zügen ab 2027 zwischen Rom und München, 2028 soll es bis Berlin gehen. Größere sorgen aber bereitet das italienische private Bahnunternehmen Italo, das ab 2028 den deutschen Fernverkehrsmarkt aufmischen will. Der Geschäftsreisebranche kann das eigentlich nur recht sein: Bekommt sie doch mehr Auswahl und dank gestärktem Wettbewerb auch günstigere Preise.
Italo drängt derzeit auf eine schnelle und langfristige Vergabe von profitablen Fernverkehrstrassen in Deutschland. Bei Siemens Mobility haben die Italiener schon mal 30 achtteilige Einheiten des ICE3neo in blauer Farbgebung angefragt. 2028 soll der Start erfolgen.
Wie CM weiß, ist das Unternehmen aber nur an lukrativen Hauptstrecken interessiert, etwa München-Berlin-Hamburg oder München-Dortmund. Die EVG, Gewerkschaft der Beschäftigten aller Eisenbahnen in Deutschland, inkl. der Busgesellschaften der Deutschen Bahn mit mehr als 180.000 Mitgliedern, warnt vor einem Einstieg Itloa in den deutschen Fernverkehrsmarkt. Denn das Vorhaben von Italo könnte zur Verdrängung führen und dazu, dass zahlreiche Städte vom Schienenfernverkehr abgekoppelt werden – darunter Landeshauptstädte, bedeutende Industriestandorte und touristische Highlights.
Der EVG-Vorsitzende Martin Burkert warnt von Rosinenpickerei und schlägt Paketlösungen vor. Italo verspricht neue Verbindungen, neue Züge, neue Arbeitsplätze – und billigere Tickets als die DB. Dafür verlangen die Italiener langfristige Zusagen bei der Trassenvergabe. Italo interessiert sich aber nur für Strecken, auf denen Geld zu verdienen ist. Berlin-Köln, Hamburg-München: gerne. Aber was ist mit Rostock, Chemnitz oder Aachen? Das Ziel ist laut EVG maximaler Gewinn und nicht die Daseinsvorsorge in Deutschland.
Heute verdient die DB Fernverkehr auf den Hauptstrecken das Geld, das es ihr ermöglicht, auch so genannte Nebenfernstrecken zu bedienen. Aber: Die Infrastruktur ist ausgereizt und stellenweise überlastet. Die Schienen verdoppeln sich nicht, wenn neue Anbieter auftreten. „Wenn Italo der Deutschen Bahn einige der Hauptstrecken abnimmt, fehlt dieses Geld, und das ganze Fernverkehrssystem gerät ins Wanken“, warnt Martin Burkert.
Fernverkehrshalte drohen wegzufallen – oder massiv ausgedünnt zu werden. Nach Berechnungen der EVG steht eine Reihe von Fernverkehrsstandorten auf der Kippe. Sehr sicher würde es zum Teil massive Auswirkungen in folgenden Städten geben: Aachen, Augsburg, Bamberg, Chemnitz, Cottbus, Freiburg, Ingolstadt, Jena, Magdeburg, Münster, Norddeich, Osnabrück, Rostock, Saarbrücken, Schwerin, Singen, Trier.
Daran hängen Arbeitsplätze: in den Bahnhöfen selbst, in den Zügen natürlich, aber auch in den Werkstätten. Auch die Kunden müssten sich umstellen: Pendler, Geschäftsreisende, Touristen. Deshalb, sagt Martin Burkert, „darf der Verkehrsminister nicht einfach die Hände in den Schoß legen, sondern muss den Wettbewerb fair gestalten. Paketlösungen bei der Streckenzuteilung wären möglich. Wer auf den Hauptstrecken ordentlich Kasse machen will, darf sich nicht zu fein sein, um Städte wie Schwerin, Augsburg oder Jena anzufahren.“ Ansonsten, so der EVG-Vorsitzende, „haben Millionen Bahnkunden dann künftig auf dem Weg zum nächsten Schnellzug stundenlang Zeit, um über Patrick Schnieder nachzudenken.“
Die Ferrovie dello Stato (FS) expndiert schon seit mehreren Jahren international, während Italo erst jetzt auf den Geschmack gekommen ist. Die FS setzt dabei auf ihre superschnellen und hochkomfortablen Frecciarossa-Züge. Der Frecciarossa 1000 ist der modernste Hochgeschwindigkeitszug von Trenitalia und für den Einsatz auf Hochgeschwiondigkeitsstrecken in ganz Europa gedacht. Er erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h, könnte aber auch 360 km/h fahren. Derzeit fahren die Züge in Italien, Spanien und Frankreich.Nach München kommen sie ab kommendem Jahr und nach Berlin ab 2028. Das ist beschlossene Sache. Quelle: EVG-org / CM