Aus dem Elektro-Boom muss für deutsche Autobauer Wachstum entstehen

Der europäische Automarkt wächst 2026 wieder, doch hinter den steigenden Zulassungszahlen verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Elektroautos gewinnen deutlich an Bedeutung, vor allem in West und Nordeuropa, und chinesische Hersteller erobern Marktanteile. 

Eine seltene gute Nachricht, aber nicht für jeden: Im Juni wuchs der deutsche Automarkt so stark wie kein anderer in Europa. Während im europäischen Durchschnitt 12,9 % mehr Fahrzeuge abgesetzt wurden, waren es hierzulande über 15 %. Und das Wachstum hat zwei Namen: Elektromobilität und China. Tatsächlich haben sich 12 % mehr Bundesbürger für den Wechsel zu Elektromobilität entschieden. Als Ursache nennen die Statistiker vor allem die gestiegen Benzinpreise durch den Irankrieg. 

Deutsche Automobilhersteller profitieren allerdings nur bedingt von diesem Trend. Während beispielsweise Volkswagen nur ein kleines Wachstum von 1,5 % aufweisen kann, haben chinesische Autobauer wie BYD oder Geely ihre Verkäufe in Europa mehr als verdoppelt und erreichen durchschnittlich einen Marktanteil von mehr als 10 %. Ein typisches Beispiel für die aktuelle Erfolgsstrategie aus Fernost ist der Dolphin Surf von BYD. Mit etwas über 20.000 Euro ist der Keinwagen einigermaßen erschwinglich und wird von der europäischen Autopresse wohlwollend bewertet. 

Insgesamt zeigt der europäische Automarkt 2026 ein widersprüchliches Bild. Im ersten Halbjahr stiegen die Neuzulassungen in der EU um 5,7 %, so der Herstellerverband ACEA. Gleichzeitig beschleunigt sich der Wechsel bei den Antrieben: Batterieelektrische Fahrzeuge erreichten europaweit einen Marktanteil von 20,7 P%, Hybride kamen auf 37,3 %. Auf der Verliererseite: Benziner und Diesel. Sie fielen zusammengenommen auf 29,7 %. Besonders dynamisch entwickelt sich Deutschland: Hier legten die Elektro-Neuzulassungen im ersten Halbjahr um 48 % zu. 

Der Juni markierte dabei einen Wendepunkt. Nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes wurden in Deutschland 84.057 reine Elektroautos neu zugelassen – 78,2 % mehr als im Vorjahresmonat. Mit einem Marktanteil von 28,4 % lagen sie erstmals knapp vor klassischen Hybriden.

Auch eine von HUK Coburg erhobene Statistik erklärt die Dynamik: Im zweiten Quartal ersetzten 12 %  der Autofahrer, die ihr Fahrzeug wechselten, einen Verbrenner durch ein Elektroauto. Zu Jahresbeginn hatte dieser Anteil noch bei lediglich 5 % gelegen. Steigende Kraftstoffpreise infolge des Iran-Konflikts dürften dabei eine Rolle gespielt haben.

Für die europäischen Hersteller bedeutet der Elektroboom allerdings nicht nur eine gute Nachricht. Denn ein wachsender Teil der Nachfrage landet bei chinesischen Marken. Im Juni verkauften BYD, SAIC, Chery, Geely, Leapmotor und andere chinesische Hersteller in Europa rund 141.500 Fahrzeuge. Das entsprach nach Dataforce-Auswertungen etwa 10 % des europäischen Neuwagenmarktes – mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. 

Reuters sieht den chinesischen Vorsprung vor allem bei Elektroantrieben, Batterien, Software und der Geschwindigkeit, mit der neue Modelle auf den Markt kommen. Im ersten Quartal lag der Anteil chinesischer Marken am europäischen Pkw-Markt demnach bereits bei 16 % gegenüber 3 % vier Jahre zuvor.

Die etablierten Hersteller reagieren unterschiedlich. Renault etwa setzt bewusst nicht auf einen Preiswettbewerb mit chinesischen Anbietern. Das Unternehmen argumentiert, aggressive Rabatte könnten die Restwerte und damit die langfristige Profitabilität beschädigen. Der Erfolg des Renault 5 zeigt zugleich, dass europäische Hersteller mit attraktiven Elektroautos durchaus Marktchancen haben.

Werbebudgets bleiben unter Druck. Die Entwicklung des Automarkts spiegelt sich auch in den Werbebudgets wider. Nach der WARC-Prognose ist die Automobilwerbung in Westeuropa 2026 weitgehend stabil, weltweit soll sie dagegen um 6,7 % wachsen. Für Deutschland fällt der Ausblick deutlich zurückhaltender aus: WARC erwartet für die Automobilwerbung ein Wachstum von lediglich 1,9 %. Sollte sich die Golfkrise verschärfen, könnte daraus sogar ein Rückgang um minus 4,2 % werden – ein Unterschied von 6,0 Prozentpunkten gegenüber dem Basisszenario. Als Gründe nennt WARC den Druck durch steigende Produktionskosten und eine zurückhaltendere Nachfrage der Verbraucher.

Damit steht die Automobil-Branche vor einem Balanceakt: Einerseits müssen Hersteller angesichts neuer Wettbewerber und neuer Antriebstechnologien stärker um Aufmerksamkeit und Marktanteile kämpfen. Andererseits drücken hohe Produktionskosten, Rabatte und unsichere Konsumaussichten auf die Margen. Werbung wird damit nicht überflüssig – sie muss im Gegenteil genauer zeigen, wofür eine Marke steht und welchen konkreten Mehrwert ihr Produkt bietet.

Für Europas Hersteller wird entscheidend sein, ob sie aus dem Elektroboom eigenes Wachstum machen können – oder ob chinesische Anbieter einen immer größeren Teil dieses Wachstums abschöpfen. Quelle: Dataforce / HUK / Reuters / WARC / MEEDIA / CM

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