Die deutsche Luftverkehrswirtschaft durchfliegt eine Phase schwerer Turbulenzen. Die Erholung des Passagierverkehrs ab Deutschland ist im ersten Halbjahr 2026 eingebrochen: 97,7 Mio. Passagiere nutzten die deutschen Flughäfen. Das waren 0,8 % weniger als im Vorjahreszeitraum.
Die laut Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) angeblich zu hohen Standortkosten als auch der Nahostkonflikt belasten Fluggesellschaften, Flughäfen und weitere Anbieter. Das geht aus den Halbjahreszahlen 2026 hervor, die der BDL vorgelegt hat. Die erste Entlastung bei der Luftverkehrsteuer und der Entbürokratisierungskurs der Bundesregierung gehen zwar in die richtige Richtung. Für eine echte Trendwende müssen aber die staatlichen Standortkosten halbiert und damit an den europäischen Durchschnitt angepasst werden. Die Forderung des BDL erscheint und mehr als befremdlich: Während die Bodenverkehrsträger unter massiv gestiegenen Treibstoffpreisen und auch hohen Stromkosten leiden, bekommen die Airlines ihren Flugtreibstoff (Kerosin) zu Spotttpreisen: Sie zahlen für den Liter Kerosin gerademal zwischen 60 und 90 Cent. Der Preis schwankt ständig, da er direkt vom Weltmarktpreis für Rohöl und den Lieferkosten an den jeweiligen Flughäfen abhängt. Normalerweise müssten sie für den Liter auch mehr als zwei Euro bezahlen, das bezahlen die anderen Verkehrsträger. Hinzu kommen auf den Straßen teilweise Mautgebühren und bei der Bahn she hohe Trassengebühren. Von alledem bleibt die Luftfahrt, die einen maßgeblichen Anteil am katastrophalen Klimawandelt mit zu verantworten hat, verschont.
Das Sitzplatzangebot für Flüge ab Deutschland schrumpfte im ersten Halbjahr um 1 % auf 85 % des Vor-Corona-Niveaus. „Unsere Branche durchfliegt schwere Turbulenzen. Der Nahostkonflikt trifft alle Akteure im Luftverkehr. Zwar ist die Kerosinversorgung vorerst gesichert – aber die Kosten bleiben hoch. Wichtige Lufträume sind gesperrt. Und in Deutschland trifft diese Entwicklung auf die hohen staatlichen Standortkosten“, sagte BDL-Präsident Lars Redeligx. „Wir müssen jetzt die Voraussetzungen für neues Wachstum schaffen.“
Deutschland bleibt Schlusslicht beim Wachstum. Besonders deutlich ist der Rückstand bei den europäischen Punkt-zu-Punkt-Airlines. Ihr Angebot liegt im übrigen Europa inzwischen 58 Prozentpunkte über dem Angebot in Deutschland. Woher diese Zahlen stammen, ist unklar. Denn in bedeutenden EU-Ländern wie Italien, in Spanien, in Frankreich, in den Niederlanden und auch in Großbritannien erlebt die Branche eine Abkehr vom Flug und Hinwendung zur Schiene. Dass Verbindungen ab Deutschland zu Wirtschaftsmetropolen in Nord-, Ost- und Westeuropa stark ausgedünnt sind, mag stimmen. Denn der innerdeutsche Flugverkehr, der 2026 nur noch 48 % des Niveaus von 2019 aufweist, ist aus wissenschaftlicher Sicht ökonomisch und ökologisch nicht mehr zu verantworten. Die aktuellen Hitzewellen sprechen eine deutliche Sprache, die der BDL aber nicht wahrhaben will. Bei dezentralen Verbindungen, die nicht als Zubringer zu den Drehkreuzen Frankfurt oder München dienen, sind es lediglich 18 %.
Dass sich eine sinkende Passagierzahl auch auf das Geschäft der Bodendienstleister und des Travel- Retail-Marktes auswirkt, zu denen die Duty-Free-Geschäfte an den Flughäfen zählen, ist verständlich.
„Der europäische Luftverkehr entwickelt sich weiterhin dynamisch. An unseren Fluggesellschaften und Flughäfen geht diese Entwicklung aufgrund hoher Steuern und Gebühren vorbei. Deutschland bleibt beim Luftverkehr Europas Schlusslicht. Das schwächt nicht nur die Luftverkehrswirtschaft – sondern auch die internationale Anbindung unserer Wirtschaft, Messen und den Tourismus“, sagte Redeligx. Woher kommen dann aber all die Jubelzahlen der Flughäfen von Messestädten Deutschlands? „Wir wollen die Lücke schließen mit starken Hubs und breiter Anbindung in der Fläche. Dafür brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen. Dann kann der Luftverkehr ab Deutschland in den nächsten Jahren wieder durchstarten.“
Der BDL begrüßt Rücknahme der jüngsten Erhöhung der Luftverkehrsteuer und den Entbürokratisierungskurs. Beides hilft dem Standort. Neben finanziellen Entlastungen geht es um einfachere Verfahren und den Rückbau nationaler Regeln auf europäische Vorgaben. „Die Bundesregierung hat wichtige erste Schritte gemacht. Die Entlastung bei der Luftverkehrsteuer hilft. Auch der Entbürokratisierungskurs ist richtig. In den Branchendialogen Luftfracht und Luftsicherheit ist mit den beteiligten Ministerien und nachgelagerten Behörden eine Vielzahl an schnell umsetzbaren Regelungen vereinbart worden“, sagte Redeligx. Das alles reicht dem BDL aber nicht. „Jetzt brauchen wir weitere Maßnahmen. Die staatlichen Standortkosten müssen halbiert werden.
Schweden als Vorbild??? Schweden zeigt, wie schnell bessere Bedingungen wirken, sagt der BDL. Schweden hat seine Luftverkehrsteuer Mitte 2025 vollständig abgeschafft und damit eine Trendwende eingeleitet. Bereits im ersten Halbjahr 2026 wuchs das Flugangebot um 6 %. Für das vierte Quartal werden mehr als 800.000 zusätzliche Sitzplätze gegenüber dem Vorjahr erwartet – trotz hoher Kerosinpreise. Doch passen Sitzplatzausbau und die in Schweden weit verbreitete Flugscham nicht so recht zusammen.
Die Regierung in Stockholm hat einen neuen nationalen Plan für die Verkehrsinfrastruktur beschlossen. Der Plan umfasst Schiene, Straße, Schiff und Luftfahrt für die Jahre 2026-2037 mit einem Gesamtvolumen von insgesamt 1.171 Mrd. SEK (108 Mrd. Euro) und bedeutet eine historische Investition sowohl in die Instandhaltung als auch in neue Infrastruktur im ganzen Land. Vor allem setzt Schweden auf den Ausbau aller Bahnlinien zwischen den Businessmetropolen des Landes. Durch die erhöhte Kapazität können mehr Züge die Strecken befahren, die Fahrzeiten verkürzen sich und die Zuverlässigkeit des Bahnsystems in ganz Schweden verbessert sich, so Andreas Carlson, Minister für Infrastruktur und Wohnungswesen.
Pro Kopf gerechnet fliegen die Menschen in Schweden tendenziell ähnlich viel wie in Deutschland, allerdings erlebt Schweden durch die Debatte um die „Flugscham“ (flygskam) und den Ausbau des Zugverkehrs einen spürbaren Rückgang bei Inlandsflügen. Die Mobilität pro Inlandsflugverkehr ist, anders als in Deutschland, wegen der großen Distanzen im langgestreckten Schweden und dem hohen Lebensstandard traditionell sehr hoch.
Die schwedische CO2-Steuer ist seit 1991 ein wichtiges Instrument der schwedischen Klimapolitik und besteuert Energieemissionen in Bereichen Straßenverkehr und Luftfahrt. Damit ist es eines der ältesten und stärksten CO2-Preissignale mit der größten Sektorabdeckung der Welt (derzeit rund 120 Euro/t CO2-Äquivalent). Zudem unterliegen kommerzielle Flugzeuge und damit direkt zusammenhängende Dienstleistungen speziellen steuerlichen Regelungen der schwedischen Steuerbehörde.
In Deutschland sind die staatlichen Standortkosten für den Luftverkehr im Jahr 2025 um 1,1 Mrd. Euro auf 4,3 Mrd. Euro gestiegen. Seit 2019 haben sich Kostenblöcke wie Luftverkehrsteuer sowie Gebühren für Luftsicherheitskontrollen und Flugsicherung mehr als verdoppelt. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, braucht der Standort eine Halbierung dieser Belastungen in Höhe von zwei Milliarden Euro – oder eine Reduzierung um 15 Euro pro Passagier. Meint der BDL. Damit würde Deutschland im europäischen Durchschnitt liegen.
„Die Luftverkehrswirtschaft kann entscheidend dazu beitragen, in Deutschland wieder eine Wachstumsstory zu schreiben. Unsere Unternehmen können neue Verbindungen schaffen. Sie sichern Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Lieferketten“, sagte Redeligx. „Dafür brauchen sie wettbewerbsfähige und verlässliche Rahmenbedingungen – in Deutschland wie in Europa. Nun kommt es auf den konkreten Beitrag von Bund und Ländern an.“
Nahostkonflikt belastet Passage. Der Nahostkonflikt und vor allem der Kries der Russen gegen die Ukraine trifft besonders die Netzwerk-Airlines. Allein wegen der Kriege der USA gegen den Iran und Israels gegen Iran/Libanon reduzierten außereuropäische Anbieter ihr Angebot ab Deutschland gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8 %, europäische Netzwerk-Airlines um 4 %. Auf Langstrecken in den Mittleren Osten und nach Zentralasien sank das Angebot vorübergehend auf 85 % des Niveaus von 2019. Ausblick auf den Winterflugplan 2026/27 zeigt ein geteiltes Bild. Nach aktuellem Stand wächst das Angebot auf interkontinentalen Flügen leicht über das Vorkrisenniveau. Auf Europastrecken erreicht es 90 % des Winters 2018/19. Der innerdeutsche Verkehr schrumpft dagegen weiter und erreicht nur noch 43 % des damaligen Angebots, auf dezentralen Strecken sogar nur 14 %. Insgesamt erreicht der Luftverkehr ab Deutschland 88 % des Vorkrisenniveaus. Im übrigen Europa steigt das Angebot auf einen neuen Rekordwert von 118 %. Quelle: BDL / CM