Die Leiterin der US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB (National Transportation Safety Board), Jennifer Homendy, hat Ryanair-Chef Michael O’Leary vorgeworfen, gegen internationales Recht verstoßen zu haben. Grund hierfür sind seine Äußerungen zu einem Vorfall an Bord einer Boeing 737 der Fluggesellschaft über Griechenland Anfang Juli 2026, bei dem ein 61-jähriger Passagier teilweise aus dem Flugzeug gesogen wurde, nachdem ein Fenster herausgebrochen war.
Während einer regulären Telefonkonferenz zu den Geschäftszahlen Anfang dieser Woche erklärte der für seine direkten Worte bekannte Michael O’Leary, er könne zwar nicht „abschließend“ sagen, was die Unfallursache gewesen sei, doch „erste Anzeichen deuten auf einen Schaden am Triebwerk durch einen Fremdkörper hin“.
O’Leary fügte hinzu, der Unfall sei nicht auf das Alter des Flugzeugs oder dessen Wartung zurückzuführen.
Das NTSB hat auf Ersuchen der griechischen Behörden die Untersuchung des Unfalls vom 10. Juli 2026 übernommen. Bei dem Vorfall handelte es sich um eine 18 Jahre alte Boeing 737-800, die den Ryanair-Flug FR-1879 durchführte – eine reguläre Verbindung von Thessaloniki (SKG) nach Memmingen (FMM) in Bayern.
Kurz nach dem Start, noch im anfänglichen Steigflug auf Reiseflughöhe, gab es beim rechten Triebwerk einen unkontrollierten Ausfall, wodurch Trümmerteile in Richtung des Flugzeugrumpfs geschleudert wurden. Einige dieser Trümmer trafen ein Kabinenfenster, durchschlugen die verschiedenen Schichten und verursachten einen explosionsartigen Druckabfall. Der 61-jährige serbische Passagier, der neben diesem Fenster saß, wurde teilweise aus der Kabine gesogen, von seiner Ehefrau und anderen Mitreisenden festgehalten, damit er nicht hinasusdgezogen wird und zu Tode stürzt, erlitt aber glücklicherweise keine schweren Verletzungen. Nach der Meldung eines Notfalls kehrten die Piloten nach Thessaloniki zurück, wo das Flugzeug ohne weitere Zwischenfälle landete.
In einem neuen Schreiben an Michael O’Leary erinnerte ihn die Vorsitzende des NTSB, Jennifer Homendy, an Ryanairs Verantwortung gemäß Anhang 13 der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO), der sich speziell mit der Untersuchung von Flugunfällen befasst. Gemäß Anhang 13 wurde Ryanair als akkreditierter Vertreter und technischer Berater in die vom NTSB geleitete Untersuchung einbezogen. Eine der Voraussetzungen für die Rolle als akkreditierter Vertreter oder technischer Berater bei der Untersuchung eines offiziellen Luftfahrtunfalls ist, dass Informationen nicht ohne die ausdrückliche Genehmigung der Untersuchungsbehörde – in diesem Fall des NTSB – veröffentlicht werden dürfen.
„Das NTSB untersucht den Unfall derzeit; daher ist es akkreditierten Vertretern und ihren technischen Beratern untersagt, sich zur möglichen Ursache des Vorfalls zu äußern oder anderweitig Informationen aus der laufenden Untersuchung weiterzugeben“, erklärte Homendy in ihrem Schreiben vom 22. Juli. Dieses war an das maltesische Verkehrsministerium (MoL) sowie an Capt. Frank Zammit, den Leiter der maltesischen Untersuchungsbehörde für Flugunfälle (Bureau of Air Accident Investigation), gerichtet (das Flugzeug war auf Malta Air registriert, eine 100 %ige Tochtergesellschaft von Ryanair). „Das NTSB hat eine solche Feststellung nicht getroffen, und unsere Ermittler haben noch nicht ausgeschlossen, dass das Alter des Flugzeugs oder Wartungsprobleme zu dem Vorfall beigetragen haben könnten“, hieß es in dem Schreiben weiter.
„Die öffentlichen Äußerungen von Herrn O’Leary verstoßen gegen Anhang 13, da sie eine Meinung und Analyse des Unfalls enthalten und auf potenzielle Schwerpunkte der laufenden Untersuchung hinweisen. Da die Nichteinhaltung der Bestimmungen von Anhang 13, abhängig von der Relevanz und Genauigkeit der Informationen für die Ermittlungen, die Integrität der Untersuchung beeinträchtigen kann, fordere ich Herrn O’Leary dringend auf, während der laufenden Untersuchung keine weiteren öffentlichen Äußerungen dazu abzugeben“, ließ die NTSB-Chefin den Ryanair-CEO wissen.
Das am Unfall vom 10. Juli beteiligte Flugzeug bleibt weiterhin am Boden. Die Ermittler wollen nicht nur feststellen, ob ein Fremdkörper für den Triebwerksausfall verantwortlich war, sondern auch, welche Trümmerteile in Richtung des Rumpfes geschleudert wurden und so das Bersten der Fensterscheibe verursachten. Ein vorläufiger Bericht, der die Ereignisse vom 10. Juli beschreibt, wird voraussichtlich in den nächsten Wochen veröffentlicht, die Erstellung des vollständigen Unfallberichts kann jedoch mehrere Monate dauern. Quelle: NTSB / CM