Schweres Zugunglück in Spanien

Beim Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge der spanischen Bahngesellschaft Renfe und des privaten Bahnunternehmens Iryo südlich von Madrid sind nach Angaben einer Sprecherin der spanischen Regionalregierung von Kastilien-La Mancha vermutlich 68 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Todesopfer könne steigen, wurde sie im staatlichen TV-Sender RTVE zitiert. Emiliano García-Page, Präsident der Region Kastilien-La Mancha meldete zudem 80 Verletzte, wovon 50 schwer verletzt seien.

Bei dem Unglück auf der 472 km langen und 1992 eröffneten Schnellfahrstrecke Madrid-Sevilla nahe Urda in der Provinz Toledo entgleisten mehrere Waggons eines Frecciarossa 1000 (ital. für Roter Pfeil bzw. ETR 1000) des privaten Bahnunternehmens Iryo . An Bord befanden sich 147 Fahrgäste. Zwei ETR 1000-Waggons stürzten einen Bahndamm hinunter. Der zweite Zug, ein Velaro E (Baureihe 103) von Siemens Mobility stammt von der staatlichen Bahngesellschaft Renfe. In diesem dem deutschen ICE 3 ähnlichen Triebzug befanden sich 397 Reisende. Der Bahnverkehr zwischen Madrid und Andalusien wurde in beide Richtungen unterbrochen, so der spanische Bahnnetzbetreiber Adif. 

Schweres Zugunglück in Spanien am Mittwochmorgen. Foto: Carlos Rosillo

Der Unfall ereignete sich laut spanischen Medien am Mittwochvormittag kurz vor 09 Uhr. Ein Hochgeschwindigkeitszug habe einen anderen von hinten gerammt, als beide in Richtung Süden nach Andalusien unterwegs gewesen seien, hieß es aus Adif-Kreisen. 

Die Ursache ist noch nicht abschließend geklärt. Erste Erkenntnisse lassen auf menschliches Versagen schließen. So standen laut „El País“. den Untersuchungen zufolge acht Highspeed-Züge  am Morgen aufgrund einer Störung nahe dem Bahnhof Urda still. Fast alle erhielten die Freigabe zur Weiterfahrt, nur der Iryo ETR 1000 nicht. Zugleich näherte sich jedoch der AVE-Hochgeschwindigkeitszug von Renfe mit zunächst niedriger Geschwindigkeit. Dieser erhielt soll kurz vor dem Aufeinandertreffen beider Superzüge versehentlich von einem Zugsteuerer aus der Zug-Leitstelle in Madrid die Anweisung, zu beschleunigen, obwohl der Iryo-Zug noch das Gleis belegte, so „El País“ weiter. Der Triebfahrzeugführer des spanischen ICE 103 leitete, als er den roten ETR 1000 vor sich sah, noch eine Schnellbremsung ein, konnte dadurch aber eine Kollision nicht mehr verhindern.

Rafael Escudero, Generalsekretär der Eisenbahnergewerkschaft, mahnte, nicht vorschnell über die Ursache des Unglücks zu spekulieren. Er forderte „dringende Aufmerksamkeit“ für die Eisenbahnstrecke, auf der es zu Beginn des Jahres bereits einen dramatischen Unfall gegeben hatte (wir berichteten). Damals entgleiste ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug nahe Adamuz (Córdoba) und stieß mit einem entgegenkommenden Zug der Renfe zusammen. Bei dem Unglück kamen 46 Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt.

Escudero vermutet Mängel in der Infrastruktur und betont, dass die Gewerkschaften schon seit Längerem eine Überprüfung der Hochgeschwindigkeitstrasse Madrid-Sevilla fordern.

Betreuungszentren. Im Bahnhof Atocha sowie in Sevilla wurden Betreuungszentren für Angehörige eingerichtet; zudem wurde eine Hotline (900 10 10 20) geschaltet. Die Regierung und die politischen Parteien haben ihre Termine für den heutigen Tag abgesagt.

Am Bahnhof Madrid Atocha werden derzeit Angehörige der Passagiere aus den beiden verunglückten Zügen betreut, erklärte Pascual Galera, stellvertretender Generaldirektor für Zivilschutz der Autonomen Gemeinschaft Madrid. „Die Koordination ist im Moment schwierig; wir stehen zwar in Kontakt mit der Region Kastilien-La Mancha, doch die Koordination vor Ort erfolgt von dort aus. Hier (in Atocha) bieten wir einen psychosozialen Betreuungsdienst für Angehörige an, die sich an uns wenden können. Es kommen bereits einige, aber nur nach und nach“, berichtete er vom Bahnhof aus. Die Anlaufstelle befindet sich an einer der Seiten des Bahnhofs, und zwar an der Seite, die zur Straße „Calle de Méndez Álvaro“ hin liegt.

Dort sind Mitarbeiter des Rettungsdienstes Summa 112 sowie etwa 20 bis 25 weitere Einsatzkräfte anwesend, die bei Bedarf zur Verfügung stehen. Die meisten Angehörigen haben sich jedoch direkt zum Unfallort begeben. „Hier unterstützen wir sie dabei, zum Unfallort zu gelangen, oder bieten ihnen die notwendige Betreuung an. Momentan sind Angehörige von Passagieren beider Züge vor Ort, aber ich kann keine genaue Zahl nennen, da laufend weitere Personen eintreffen“, erläuterte Galera. Er fügte hinzu, dass es sich sowohl um Angehörige aus Madrid als auch aus anderen Städten handelt. Bisher gab es keine Anfragen für einen Transport zum Unfallort. „Die Schwierigkeit besteht darin, zu ermitteln, woher diese Angehörigen kommen. Die Passagiere der beiden Züge waren von Madrid aus gestartet. Wir gehen davon aus, dass die meisten aus Madrid stammen – deshalb haben wir dieses Betreuungszentrum für Angehörige hier eingerichtet –, aber wir wissen nicht genau, woher die Reisenden kommen.“

Auch die Eisenbahnunternehmen Renfe und Iryo haben ihre Notfallprotokolle sowie Maßnahmen zur Betreuung der Betroffenen aktiviert. Renfe hat einen Krisenstab eingerichtet und einen Unterstützungsplan für Unfallopfer und deren Angehörige in Kraft gesetzt. Zur Koordination der Hilfsmaßnahmen hat das Unternehmen die kostenlose Hotline 900 10 10 20 für Betroffene und deren Angehörige freigeschaltet. Iryo hat seinerseits die Nummer 900 001 403 eingerichtet, um Betroffenen bei der Informationssuche zu helfen und die erforderliche Unterstützung zu leisten.

Verletzte in Kliniken gebracht. Wie die Regierung der Region Kastilien-La Mancha mitteilte, befinden sich derzeit 33 Verletzte in verschiedenen Krankenhäusern der Region: 21 in Toledo, 8 im Krankenhaus Mancha Centro in Alcázar de San Juan, 3 in Ciudad Real und 1 in Albacete. In Toledo sind die Zufahrtsstraßen in der Umgebung des Krankenhauses gesperrt.

Iberia reagiert. Infolge des Zugunglücks in Urda (Toledo) hat Iberia die Höchstpreise für alle Flüge von oder nach Andalusien bis zum 8. November begrenzt. Die Flugpreise sind demnach auf maximal 99 Euro pro Strecke in der Touristenklasse und 149 Euro in der Business-Class gedeckelt. Dies bestätigte die Fluggesellschaft, die zudem flexiblere Regelungen für Passagiere eingeführt hat, deren Reisepläne durch den Vorfall beeinträchtigt wurden. Für die Änderung von Flugtickets steht die Telefonnummer 900 111 500 zur Verfügung.

„Ich stehe in ständigem Kontakt mit dem Verkehrsminister und dem Präsidenten von Kastilien-La Mancha. Die Rettungskräfte sind vor Ort im Einsatz, um den Betroffenen zu helfen und ihre Sicherheit in Abstimmung mit allen zuständigen Behörden zu gewährleisten“, schrieb der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez auf X. Er sei bestürzt und sprach den Betroffenen und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. Regionalpräsident Emiliano García-Page sagte vorerst alle Termine ab und machte sich auf den Weg zum Unglücksort. Quelle: El País“ / CM

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